Predigten und Gottesdienste aus dem Dekanat Rothenburg

Download
Karfreitag - Andacht mit Pfarrer Arved Schlottke (Wettringen)
Karfreitag2020DekanatRothenburg.pdf
Adobe Acrobat Dokument 275.5 KB

10.4.2020 (Karfreitag) - Andacht von Pfarrer Arved Schlottke, Wettringen

Karfreitag Andacht für die Kirche und daheim

 

Johannes 19, 17-30

 

Das Bild ist von Albrecht Dürer und es bindet Tod und Auferstehung zusammen.

Wir sehen Christus und wir sehen den Menschen Jesus.

Da ist wirklich gelitten worden.

Da ist wirklich gestorben worden.

Das war kein Scheinleib, kein Scheinmensch.

So stirbt „der Mensch“ – „ecce homo“ ist das Bild überschrieben:

„Sehet, welch ein Mensch!“

Halten wir ein wenig in dieser Todesstunde Jesu seinen Blick aus.

Ein müder Blick. Er ist durchdringend.

Nicht ein Wort kommt über seine Lippen.

Kein Wort der Klage. Kein Wort des Vorwurfs.

Schwerstarbeit liegt hinter ihm.

Seelische und körperliche Schwerstarbeit.

Bilder der Versöhnung. Nicht für sich. Nicht für Gott. 

Nur für uns.

Um der Versöhnung willen.

Um des Friedens willen.

Um der Liebe willen.

Schwerstarbeit, Folter, Kreuzigung und Tod.

Was er denkt?

Vielleicht denkt er: Was tust du?

Was schaust du mich an?

Vielleicht denkt er auch: Was machst du daraus?

 

Hat das Töten und Sterben, das Vergewaltigen und Entstellen, das Lügen und Blenden, das Hauen und Stechen jetzt ein Ende? Das war doch die Absicht.

Hast du jetzt verstanden?

Du bist doch jetzt frei. Die Schuld ist bezahlt. Du bist der Vergangenheit ledig.

Ein Bild der Versöhnung.

Wie auf einer Wippe, einer Schaukel zieht uns Gott aus dem Dreck, und sitzt nun selbst in der Tiefe, im Elend, im Tod.

 

Johannes Rist hat im 17. Jahrhundert gedichtet:

O große Not, Gott selbst ist tot.

Die Gesangbuchmacher haben es entschärft: O große Not, Gotts Sohn ist tot, heißt es jetzt.

Aber schaut, das ist unser Gott.

Er sitzt, legt den Kopf in die Hand, stützt den Arm auf, hat sich gebeugt, hat alles durchgemacht, damit wir neu anfangen können. Nicht so weitermachen, als sei nichts geschehen.

Was geschehen ist, ist schrecklich.

Und was heute immer noch geschieht, ist schrecklich.

Nicht so weitermachen.

Neu anfangen.

In Christi Namen in jedem den Christus sehen.

Dein Nachbar, dein Christus.

Dein Kind, dein Christus.

Dein Fremder, dein Christus.

Deine Verkäuferin, dein Christus.

Dein Kunde, dein Christus.

Jede Pflegerin, jeder Lehrer, dein Christus.

Jede Ärztin, jeder Politiker, dein Christus.

Jeder Hungerleider, dein Christus.

Jede Nervensäge, dein Christus.

Was ihr einem unter diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.

Sieh neben dich, da sitzt dein Christus. Und der neben dir hat in dir seinen Christus.

Du bist nicht nur ein Ebenbild Gottes. Du bist auch ein Brief Christi.

Mit seinem Blut hat Gott deinen Brief geschrieben. Alles hat er hineingelegt, was die Welt durch dich brauchte.

Nun sei dieser Welt ein Brief Christi.

 

Ob Jesus hier ausruht auf dem Kreuzweg, oder ob Jesus hier am frühen Ostermorgen ins Leben gerufen wird?

Kreuz und Auferstehung gehören zusammen.

Ohne das Kreuz ist die Auferstehung ein Märchen: Gott hat eine Weile Mensch gespielt. Nun hat der Spaß ein Ende.

Und ohne Auferstehung ist das Kreuz ein scheußlicher Sieg der Gewalt, Anlass zur Verzweiflung, kein Siegeszeichen.

Kreuz und Auferstehung gehören zusammen.

Und von der Auferstehung her bekommen wir den Mut, dem Geschundenen in die Augen zu schauen, ihn aufzurichten.

 

Den Mann aus Nazareth, das Kind aus Hai in Tansania, die demente alte Frau im Coronaverseuchten Pflegeheim, den

Zahnlosen an der Straßenecke, die Depressive in der Psychiatrie, den Alkoholkranken, den in der Ehe Gescheiterten, den Müden, die Sprachlosen, die Geflüchteten, die Hungernden, die ohne Arbeit.

„Sehet, welch ein Mensch!“ Amen

 

Fürbitten

Unter dem Kreuz deines Sohnes,

der für uns und an uns gelitten hat

beten wir zu dir, Gott: 

Sieh die Menschen an, die in diesen schweren Zeiten leiden

und sich einsetzen für ihre Mitmenschen. Sieh die an, die um ihre Zukunft fürchten.

Sieh die Menschen an, die mit dem Leben nicht fertig werden, die zu Opfern werden in Zeiten der Einsamkeit und Isolation. Und sieh die Menschen an, die heute leiden, weil liebe Menschen krank sind oder gestorben, die mit ihren Gefühlen Ordnung und Halt suchen und gegenwärtig keinen Menschen treffen dürfen, sich nicht einmal ordentlich verabschieden können.

 

Vater unser im Himmel…

Segen

 

Pfarrer Arved Schlottke, Wettringen

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

 

Psalmgebet mit Worten aus Psalm 69 und dem Ruf des Palmsonntags:

Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.

Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist: ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.

Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser.

Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinem Gott.

Erhöre mich, Herr, denn deine Güte ist tröstlich; wende dich zu mir, nach deiner großen Barmherzigkeit und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knechte, denn mir ist angst, erhöre mich eilends.

Nah dich zu meiner Seele und erlöse sie!

Ich bin elend und voller Schmerzen, Gott, deine Hilfe schütze mich!

Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Amen

 

Evangeliumslesung: Johannes 12, 12-18:

Als die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht: „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.“ Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte. Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.

 

Lied EG 14,1.2 Dein König kommt in niedern Hüllen

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Mit dem heutigen Palmsonntag beginnt die Karwoche.

Es ist zweifelslos eine besondere Woche im Kirchenjahr.

In vielen Sprachen heißt sie auch „Heilige Woche“ – besser kann man ihre Besonderheit kaum ausdrücken.

Viele Bräuche sind mit dem Palmsonntag und der beginnenden Karwoche verbunden: Mancherorts wurden Esel durch den Gottesdienstraum gezogen, um an den Einzug Jesu zu erinnern. Palmkätzchen stehen in unseren Vasen, Palmbuschen werden im katholischen Brauchtum geweiht.

Die Vorfreude auf Ostern wächst, auch wenn zunächst die schweren Tage der Karwoche kommen; auch wenn wir zunächst viel vom Leiden und Sterben Jesu hören werden.

So ist es normalerweise gewesen, so ist es uns vertraut, wichtig und – ja -auch heilig.

 

Doch in diesem Jahr wird alles anders sein.

Wir lernen gerade auf manche Vertrautheit zu verzichten, vermissen den Kontakt zu anderen Menschen, machen uns Sorgen um uns selbst, um unsere Lieben, um die fernen Nächsten.

Ein Schleier liegt in diesem Jahr über dem Beginn der Karwoche.

Dabei wird im heutigen Evangelium doch so eine wunderbare Geschichte erzählt: von Jesus, der arm und ohne Zeichen äußerer Macht auf einem Esel in Jerusalem einzog und der von den Bewohnern der Stadt so überaus herzlich willkommen geheißen wurde.

Als Kind dachte ich, Hosianna wäre ein Freudenruf – so etwas wie „Herzlich willkommen!“.

Denn auf allen Bildern zum Palmsonntag sehe ich begeisterte Menschen – Frauen, Männer, Kinder-, die den einreitenden Jesus mit Palmzweigen begrüßen.

Und auch in Liedern wird voll Freude „Hosianna“ gesungen.

Doch seitdem ich weiß, dass Hosianna ein Hilferuf ist, gehört die Geschichte vom Einzug Jesu endgültig zu meinen biblischen Lieblingserzählungen.

 

Hosianna, das heißt übersetzt: Hilf uns, jetzt, in diesem Augenblick!

Da geht es nicht um eine Vertröstung auf spätere Zeiten, sondern um die Zuwendung Gottes in eben jenem Moment des Rufens. Die Menschen, auf die Jesus trifft, rufen ihn um Hilfe an.

Um Hilfe in diesem Moment, um seine Zuwendung zu ihnen.

Und sie spüren in ihrem Herzen: Jesus kann helfen und heilen.

Er sieht die Not, die Sorge, die Angst, die Einsamkeit eines jeden.

Das ist das Tröstliche des Palmsonntags: Gott sieht uns und was uns im Leben bedrückt.

Auch heute, auch in diesen schweren Tagen.

Er will trösten, helfen und begleiten – als Friedenskönig, der zu uns kommt; als dienender und helfender Heiland.

Gebe Gott, dass wir diesen Trost spüren mögen.

Er schenke uns Hilfe in aller Not und Zuversicht für diese neue, die heilige Woche, die vor uns liegt.

Amen

 

Lied EG 11, 1-4 Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir

 

Gebet: Unser Gott, wie die Menschen in Jerusalem rufen auch wir:

Hosianna- hilf uns, Herr!

Hilf uns jetzt in dieser Zeit der Unsicherheit und Sorge, der Krankheit, der Angst und der Trauer.

Hilf uns, damit auch wir immer wieder helfen können.

Hilf uns, damit wir von deiner Liebe erzählen.

Begleite und behüte uns und unsere Lieben. Amen

 

Vater unser 

 

Und so segne und behüte, beschütze und bewahre uns und unsere nahen und fernen Nächsten der barmherzige und gnädige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen

 

(Pfarrerin Dorothea Bezzel, Rothenburg)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0